Sheena McGrandles

Sheena McGrandles stammt ursprünglich aus Nordirland und wuchs in einer Arbeiterfamilie auf, in der zeitgenössischer Tanz so gut wie keine Rolle spielte und der Zugang zu Kursen oder einer Ausbildung äußerst begrenzt war. Sheena lernte Ballett aus einem Buch und Tanzen aus dem Fernsehen und schaffte es, sich einen Platz am Laban Centre (London) zu sichern. Damit war sie die Erste in ihrer Familie, die einen Hochschulabschluss erlangte. Anschließend absolvierte sie das MA-SODA-Programm am HZT/UdK Berlin, finanziert durch
ein Exzellenzstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Kurz darauf wurde Sheena für die achtmonatige Residenz bei K3, Kampnagel, ausgewählt. Von 2013 bis 2018 war sie neben ihrer zunehmend intensiven Tätigkeit als freischaffende Tänzerin und Choreografin Dozentin am HZT Berlin im BA- und MA-SODA-Programm.
Seit 2010 lebt und arbeitet Sheena McGrandles als Tanzkünstlerin in Berlin, einem Kontext, den sie mitgestaltet und der sie prägt. Ihre Praxis ist hybrid: Sie arbeitet nicht nur für die Bühne – sie tanzt, choreografiert, kuratiert, moderiert, berät, unterrichtet, kooperiert, lernt und versucht, durch die Schaffung freier Kunsträume neue Gemeinschaften aufzubauen. Sheenas Praxis entfaltet sich in zwei unterschiedlichen Kontexten – dem politischen und dem ästhetischen: Der politische Kontext ist geprägt von ihrer Arbeit in Kollektiven (PSR, neuehäute / agora), die in Berlin Kunsträume für den Austausch verschiedener künstlerischer und sozialer körperbasierter Praktiken betreiben.
Die Kollektive arbeiten basisdemokratisch und außerhalb institutioneller Strukturen. Sie bekennen sich zu einer prozessorientierten Politik und engagieren sich vor Ort sowie in der Zusammenarbeit mit vielfältigen Gemeinschaften. Im ästhetischen Kontext arbeitet sie als Choreografin und Tänzerin und widmet sich vor allem der Form, der Virtuosität und dem kontinuierlichen Erforschen des Körpers. Ihr Anliegen ist es, Körper und Bewegung durch die Fokussierung auf radikale Zeitlichkeit zu verstehen und zu artikulieren. Sheena untersucht, wie sie Körper und Bewegung durch Verlangsamung oder Hyper-Editing zerlegen kann. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf die vielen Momente dazwischen und verwandelt das Alltägliche in ein Spektakel. In jüngster Zeit hat Sheenas Arbeit auch eine biografische Wendung genommen, wobei sie Text und Gesang als neue Elemente in die spezifische Tanzchoreografie-Sprache integriert, die sie über die Jahre entwickelt hat. In ihrem jüngsten Werk, DAWN: A Musical on Reproduction, hat sie sich mit dem Genre des Musicals auseinandergesetzt und bereits Vorschläge für ein neues Werk an der Schnittstelle von Volkstanz und Oper eingereicht. Sheena präsentiert ihre Arbeiten im In- und Ausland, unter anderem in London (The Place), Amsterdam (something raw), Helsinki (moving im November), Berlin (Sophiensaele), Mexiko-Stadt (Museo Universitario Del Chopo) und Los Angeles (PSSST). In den letzten Jahren haben Sheenas Arbeiten zunehmend an Sichtbarkeit und Anerkennung gewonnen; sie wurde zweimal zur Tanzplattform Deutschland eingeladen: 2020 mit FIGURED und 2022 mit FLUSH. Im Jahrbuch Tanz 2021 wurde sie in der Kritikerumfrage für das Stück FLUSH als „interessanteste Choreografin“ genannt.
Derzeit arbeitet Sheena an MINT – einer Volksoper über Geld (Premiere 2024 im HAU Hebbel am Ufer), die die Beziehung zwischen Geld und Klasse untersucht.
